Fucking Åmål

Lukas Moodysson

Hans-Otto-Theater Potsdam

Premiere: 10.02.2016

 

Bühne:   Andreas Rehschuh  

Kostüme: Grit Walther

mit:

Leonie Rainer, Denia Nironen, Lea Willkowsky, Friedemann Eckert, Arne Gottschling

© G. Gnaudschun / G.Walther

Presse:

 

Von der Leinwand auf die Bühne:

Lukas Moodyssons „Fucking Åmål" im Hans Otto Theater Potsdam

 

"Lukas Moodyssons Debütfilm war ein wahrer Ki­nohit. Weil „Fucking Åmål" die Coming-of-Age-Probleme von zwei jungen Mädchen, die in der schwedischen Kleinstadt Åmål gemeinsam zu ihrer eigenen Sexualität finden, so locker wie ernsthaft zeigte.

 

Natürlich ha­ben sich die vom Film im Jahre 1998 behandelten Themen pubertierender Jugendlicher nicht grundsätzlich geändert. Kühn ist es trotzdem vom Potsdamer Hans Otto Theater, diese Film­vorlage auf die Bühne zu brin­gen. Denn gegen die bunte Kunstwelt des Films (und ihrer aktuellen Erfolge mit Komödien wie „Fack ju Göhte") muss das Theater ein lebendiges Spiel set­zen, bei dem die Schauspieler - ­indem sie Figuren gestalten - zu­gleich authentisch wirken.... "

 

"...Auf der offenen Bühne des Reitstalls, der kleinen Bühne des Hans Otto Theaters, treibt Reh­schuh seine Darsteller in eine große spielerische Heftigkeit: we­nig Requisiten, viel Bewegung. Unterstützt und kommentiert von Popmusik, toben sich die Darsteller durch eine Handlung, die von der Suche nach Coolness und schrillen Partys be­stimmt ist.

 

Die Mädchen sind mit ihren Klamotten beschäftigt, betrinken sich und knutschen mit Jungen rum, obwohl sie die eigentlich nicht toll finden. Was sie wirk­lich wollen, wissen sie nicht ge­nau. Die sechzehnjährige Elin langweilt sich voller Unzufrie­denheit und geht deshalb mit ihrer Schwester (überzeugend: Denia Nironen) auf die Geburts­tagsparty der nicht angesagten Agnes. Dort sind sie die einzigen Gäste der Außenseiterin. Als Elin wegen einer Wette die als les­bisch geltende Agnes, deren Ein­samkeit die insgesamt überzeu­gende Lea Willkowsky ein klein wenig zu ernsthaft existenziell gibt, auf den Mund. Aber Elin, oh Schreck, empfindet etwas dabei!

 

Peinlich oder ehrlich, das ist die Frage, die das Stück nun durchdekliniert bis zum guten Schluss. Bei dem sich die bei­den Mädchen nicht nur finden, sondern auch selbstbewusst ge­meinsam outen. Es ist eine Insze­nierung, die mit Schwung immer wieder die leichte Didaktik der Vorlage überspielt und ihr jun­ges Publikum deutlich erreicht.

 

Ihren entscheidenden Kraft­quell hat sie in Leonie Rainer, die in knappen Jeansshorts und mit engem T-Shirt überm nackten Bauch furios die Elin spielt. Ein Mädchen, das sich zugleich vor­führt und ausstellt, aber auch auf der Suche nach sich selbst ist. Leonie Rainer gelingt es wunder­bar, ihre Elin schier vor Leben­digkeit explodieren zu lassen, um dann wieder in unsichere Nachdenklichkeit zu fallen. Die Darstellerin verlebendigt ihre Fi­gur im direkten Spiel und nimmt ihr dadurch deren Demonstrati­onscharakter.

 

So findet die Theaterinszenie­rung ihren eigenen Stil, bei dem ihre Unterhaltsamkeit fast un­merklich auf eine andere Bedeu­tungsebene gehoben wird. Zu Recht viel Beifall des jungen Pu­blikums."

 

Hartmut Krug, MOZ

 

Die beste Bitch

 

"...Das HOT-Theaterstück „Fucking Åmål“ ist mehr als ein belangloses Porträt über das Erwachsenwerden

Zugegeben: Die besten Voraussetzungen sind es nicht, wenn man die – Achtung, Zitat – „Scheiß Lesbe“ in einer schwedischen Kleinstadt ist. Erst recht nicht, wenn das komplette soziale Netz in diesem gottverlassenen Kaff so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, so in seinem immer gleichen Trott, dass es gar keine Möglichkeit gibt, diese Außenseiterrolle jemals verlassen zu können. Aber an den schlimmsten Orten passieren ja oft die besten Geschichten..."

 

"...Agnes, gespielt von Lea Willkowsky, ist also ganz unten in der sozialen Hierarchie dieser Siedlung namens Åmål, irgendwo im schwedischen Hinterland, weit entfernt vom Sehnsuchtsort Stockholm. Das Stigma der Homosexualität klebt an der 15-Jährigen, fast, als wäre sie eine mittelalterliche Infektion. Sie ist für die anderen ein Opfer, ein gefundenes Fressen. Und als ob das im Dauersturm der Adoleszenz nicht unsexy genug wäre, ist ihr einziger Anschluss nur die angeknackste Versagerin Victoria – brillant gespielt von Denia Nironen als Teenager –, die sich im Rollstuhl durch die feindselige Szenerie chauffiert, „eine spastische Kuh, die sich Justin Bieber reinzieht“, so die ortsinterne Zuschreibung. Eine Lesbe und eine Behinderte also, in eigenartiger Symbiose, abgestempelt als Verlierer. Ganz anders als Agnes ist Elin (Leonie Rainer), die sich mit ihrer ein Jahr älteren Schwester Jessica (wieder Denia Nironen) um die Hoheit prügelt, die bessere Bitch zu sein: Vielleicht das typische Verhalten für eine 15-Jährige, die glaubt, sich den Platz im Leben durch Lautstärke sichern zu müssen. Als sich Elin und Agnes auf einer Party schließlich – so muss es ja kommen – doch annähern, werden die festgefahrenen Strukturen ordentlich aufgebröckelt. Das liegt hauptsächlich an der großartigen Leonie Rainer, die über die Bühne fegt, als ob es kein Morgen gibt.

 

Ein Theaterstück, das für Jugendliche geschrieben wurde, muss vielleicht einiges bieten, um Aufmerksamkeit beim Publikum zu erzeugen – und das geht nun mal am besten durch Lautstärke....Irgendwann lichtet sich dann aber der Nebel schriller Gesten – und offenbart die tieferliegenden Gemeinheiten dieser Coming-of-Age-Geschichte. Überforderte alleinerziehende Väter etwa, die der Dominanz der Teenager rein gar nichts entgegenzusetzen haben. Überhaupt sind die Männer im Stück eher die Verlierer, bestenfalls nützliche Idioten – ein fast schon feministisches Plädoyer entsteht so.

 

Dass das so gut gelingt, ist nicht selbstverständlich: Das Genre des Jugendtheaters hat es nicht gerade leicht am Hans Otto Theater: Die Zielgruppe ist finanzschwach, mit niedrigschwelligen Angeboten lässt sich der Aufwand kaum refinanzieren – weshalb ohne Doppel- und Dreifachbesetzungen kein Stück zu machen ist. Unter diesen erschwerten Bedingungen ist „Fucking Åmål“ doppelt gut gelungen: Mit welcher Freude Denia Nironen, Friedemann Eckert und Arne Gottschling zwischen den Rollen switchen, das wirkt schnell ansteckend. Auch für Erwachsene."

 

Oliver Dietrich, PNN

© 2020, Andreas Rehschuh